Mit dem Auferstandenen dem „Warum“ Sinn verleihen…

„Musste denn der Messias nicht das alles erleiden, um zu seiner Herrlichkeit zu gelangen?“ Dann ging er (Jesus) mit ihnen die ganze Schrift durch und erklärte ihnen alles, was sich auf ihn bezog – zuerst bei Mose und dann bei sämtlichen Propheten. So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren. … (Lukas 24, 26-28)

Jesus ist mit zwei Freunden auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus. Sie haben ihn, den Totgeglaubten, bisher nicht erkannt. Er lässt die zwei erzählen: lang, breit, ausführlich. …
Wir dürfen erzählen – und wir sollten erzählen lassen! Gerade jetzt in dieser Zeit. Wir müssen nicht beschwichtigen, nicht vertrösten, dürfen zuhören und stehen lassen, was uns berichtet wird. Aber wir dürfen auch alles ins Licht Gottes stellen und vom Wort Gottes her deuten. Dies tut Jesus in dieser wunderbaren Ostergeschichte, nachdem er seinen zwei Freunden Zeit gab zu erzählen.

Das können wir mit unserem eigenen Leben auch so halten. Du kannst z. B. das, was die zwei Männer über das Geschehen in Jerusalem erzählen und damit ihre Enttäuschung in Worte fassen, auch als Bild für dein eigenes Erleben und die eigene innere Wirklichkeit verstehen. Zugegeben: diese Art der Interpretation ist für manche Leser sicher nicht gerade üblich. Es ist ja eine gewisse Art von „Übertragung“. Doch auch auf diesem Weg kann uns Jesus begegnen und durch den Heiligen Geist zu uns sprechen. Deshalb lade ich ein, sich einmal auf diese Betrachtungsweise einzulassen.
Dann könnten die Worte der zwei Männer in uns evtl. wie folgt lauten: „Ich hatte gehofft, dass mein Leben gelingt und geradlinig verläuft; dass ich es zu etwas bringen werde; dass ich Anerkennung und Erfolg habe. Und ich war auch auf einem guten Weg. Aber dann ist mir alles durchkreuzt worden. Ich bin gescheitert. Vieles in mir ist dabei zerbrochen.“
Oder: „Ich war auf einem so guten Weg! Das ganze Jahr durchgeplant. Hatte Erfolgsaussichten! – Die Viruskrise hat alles zerstört. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Alles ist hoffnungslos. Es hat alles keinen Zweck mehr.“ …

Jesus macht uns keine Vorwürfe, wenn wir so oder ähnlich denken, empfinden und reden. Er versucht, unser Erleben von der Schrift her anders zu deuten. Der Schlüssel seiner neuen Sichtweise lautet: „Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?“ Übersetzt in meine oder deine Situation könnte dieser Satz dann evtl. wie folgt lauten: „Musste ich nicht all das aushalten, damit ich frei werde von den Illusionen, die ich mir über mein Leben gemacht habe? Musste es nicht so mit mir kommen, damit es gut wird mit mir? Musste ich nicht durch all das hindurch, damit ich in das Bild hinein wachsen kann, das Gott sich von mir gedacht hat?“
Wären solche Worte und Gedanken es nicht wert, um mal mehrere Tage oder Wochen darüber zu meditieren? Wann sonst, wenn nicht jetzt, wird uns die Zeit dafür regelrecht geschenkt? Schaue doch einmal dein ganzes Leben oder zumindest die letzten Jahre im Licht dieser Worte an!
Wenn ich dieses Wort in meine Enttäuschungen hineinspreche; in meine Verletzungen aus der Kindheit; in die Wunden aus meiner Schul- und Jugendzeit; in die Missverständnisse in meiner Ehe; in die Frustrationen meiner Arbeit – was passiert dann? Es könnte passieren, dass ich allmählich aufhöre, darüber zu jammern oder mich selbst zu bemitleiden. Weil ich beginne, meine Lebensgeschichte mit anderen Augen zu sehen. Allmählich wächst in mir vielleicht die Erkenntnis: Alles war gut – so, wie es war. Denn alles diente bisher dazu, dass ich zu dem wurde, der ich heute bin; und damit hoffentlich dem Bild Gottes von mir ähnlicher werden konnte.

Martin Luther schrieb folgendes: „Unser Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht ein Gesundsein, sondern ein Gesundwerden. Überhaupt nicht ein Wesen, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind´s noch nicht – wir werden es aber. Wir sind noch nicht daheim, wir sind aber wohl auf dem Weg.“
Ich empfinde dies sehr entlastend. Als Christ bin ich immer im Werden! Das wirklich Befreiende am Evangelium ist nicht, dass es von mir etwas fordert, sondern mich einlädt, etwas zu werden: Allmählich hineinzuwachsen in das Bild Gottes. Das verstehe ich u. a. unter der „Freiheit in Christus“, von der Paulus schreibt: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“. (Galater 5,1)
Als ich dies vor langer Zeit ganz persönlich begriff – und da war ich schon viele Jahre Christ und Pastor – entkrampfte sich manches in meinem Leben. Vorher war für mich Christsein extrem anstrengend und dadurch auch mit wenig Freude verbunden. Das änderte sich dann allmählich grundlegend. Als ich das Evangelium verstanden hatte, dass ich nicht etwas sein muss, sondern durch Gott in Christus eingeladen bin, etwas zu werden; dass Christus mich einlädt auf einen Weg, da konnte ich mein Leben ganz anders unter die Füße nehmen. Die Bibel beschreibt diesen Weg mit dem Fachausdruck „Nachfolge“. Es ist interessant, dass die Bibel kaum vom „Christsein“ spricht, sondern fast immer von „Nachfolgen“. Also von einer Bewegung; vom Unterwegssein hinter jemanden her – unterwegsein mit Jesus Christus.
Durch alle Erfahrungen meines Lebens hat Gott selbst mich geformt und formt mich weiter. Christus reformiert unser Leben! („reformatio“ = Erneuerung).
Augustin schrieb: „Der Mensch konnte zwar das Bild Gottes in sich deformieren, aber Gott vermag es zu reformieren.“ Gott kann! Aber er tut es nicht gegen meinen Willen. Das ist das Gesetz der Liebe. Liebe zwingt nicht. Liebe liebt und lädt ein. Gott hält sich an das von ihm selbst erschaffene „Gesetz“. Gott reformiert unser Leben in Christus, wenn wir unser Einverständnis geben. Wenn wir mit ihm unterwegs sind.

Der höchste Lohn für unsere Bemühungen, immer wieder neu zu beginnen, ist nicht das, was wir dafür bekommen, sondern das, was wir dadurch werden! Etwas zu werden, bedeutet zu wachsen. Und Wachstum ist meistens mit Schmerzen verbunden. Deshalb weichen wir dem Wachstum so oft aus. Bäume wissen es längst: Je mehr sie wachsen, desto mehr Licht bekommen sie. Trotzdem bleiben wir Menschen oft lieber im Dunkeln.
Der Franziskaner Richard Rohr schreibt: „Man wird nicht durch Hinzufügen heilig, sondern durch Abziehen: durch das Ablegen seiner Illusionen, das Loslassen seiner Fassaden, das Freilegen seines falschen Ich, das Aufbrechen seines Herzens und die Offenheit und das Verständnis für andere. Und bei alldem nimmt man sein eigenes Ich nicht allzu wichtig. Wir sind gewissermaßen auf der völlig falschen Spur. Wir bemühen uns um einen Aufstieg, während Jesus absteigt“ (in: „Vom Glanz des Unscheinbaren“, Claudius Verlag 2007).

Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen“? „Musste es nicht so mit mir kommen, damit ich der werden konnte, der ich heute bin?“ Könnte diese Aussage von Jesus nicht ein Schlüsselsatz für dich werden? Ein Schlüsselsatz, der dir hilft, dich auszusöhnen mit deiner Lebensgeschichte – und mit dieser Zeit? Wenn das geschieht, erfährst du Auferstehung!
  
Johannes Rosemann