Mit dem Auferstandenen Gemeinschaft erfahren… (Lukas 24, 30-31)

Wenn ich mit unseren Kindern während des Kleinkindalters bezüglich einer Schutzimpfung zum Kinderarzt ging, weil meine Frau verhindert war, fragten sie mich immer: Papa, kommst du mit rein? Sie wussten genau, ich konnte mir nicht an ihrer Stelle die Spritze verabreichen lassen. Aber dass ich bei ihnen war; an ihrer Seite, das war für sie schon eine große Hilfe. An ihrer Seite bleiben, mehr konnte ich nicht tun. Und dies war für sie auch genug.

Lukas beschreibt, wie Jesus nach seiner Auferstehung mit zwei Freunden – von ihnen unerkannt – unterwegs ist von Jerusalem nach Emmaus und an ihrer Seite bleibt, als sie ihn baten „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden“. Und Jesus geht mit den zwei Männern „hinein, um bei ihnen zu bleiben“ (Lukas 24, 29).
Das ist nach dem biblischen Evangelisten Lukas der Sinn der Auferstehung: Jesus ist mit uns unterwegs! Er ist auch jetzt in diesen Tagen und Wochen mit uns unterwegs. Denn auch wenn wir äußerlich möglichst wenig unterwegs sein sollen, um andere nicht zu gefährden – innerlich dürfen wir es. Wir dürfen innerlich unterwegs sein – mit dem Auferstandenen. Überall, wo wir in unseren Gedanken hinwandern – er wandert mit. Egal, wo wir innerlich einkehren – er kehrt mit ein. Wenn es um uns oder in uns dunkel wird – er bleibt bei uns und will mit uns Gemeinschaft haben. Er will uns nahe sein und nahe kommen; er will mit uns eins werden.

Für Lukas ist gerade die Feier des „Abendmahles“ der Ort, an dem wir dem Auferstandenen begegnen. Das schildert er in dieser Begegnung sehr eindrucksvoll: „Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen. Da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten ihn. Dann sahen sie ihn nicht mehr“ (Vers 30f). Bemerkenswert ist für mich, dass die zwei Freunde von Jesus ihn nicht in seiner Schriftauslegung auf dem Weg erkannten. Da blieb er für sie ein Fremder. Nicht seine Predigtauf dem Weg führte sie zur „Auferstehung“. Es war das „Brotbrechen“. Also eine Handlung, eine sinnliche Erfahrung, die ihnen die Augen öffnete.
Und künftig ist für die ersten Christen das tägliche (!) „Brotbrechen“ der Ort, an dem sie den Auferstandenen unter sich wissen – ob sie ihn spüren, oder nicht. In jedem „Brotbrechen“, in jeder Mahlfeier (Abendmahl, Eucharistie) ist es für sie der Auferstandene selbst, der ihnen das Brot bricht und der ihnen darin aufs Neue seine Liebe erweist. Und die Christen reagieren auf diese geglaubte und erfahrene Gegenwart Jesu immer mit Freude. Deshalb wird es uns so von den Anfängen der christlichen Gemeinschaft in der Apostelgeschichte berichtet: „Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens“ (2, 46).

Die Kirchen und Freikirchen, die aus der Reformation hervorgingen, entwickelten sich fast ausschließlich wortbetont (bis auf Ausnahmen). Wir können uns wahrscheinlich kaum einen Gottesdienst ohne Predigt als Wortereignis vorstellen. Ich erinnere mich gut an eine Christvesper. Ich ließ ein Theaterstück aufführen, das nach meinem Verständnis beeindruckenden Verkündigungscharakter besaß. Deshalb verzichtete ich auf eine traditionelle Predigt, da ich dachte: „Du kannst das nur zerreden. Es spricht für sich.“ Was musste ich mir da nicht alles am Ende bei der Verabschiedung von einigen Besuchern anhören, weil angeblich die „schöne Weihnachtspredigt“ fehlte.
Verkündigung geschieht für uns eben im Wort der Predigt. So ist die Predigt bis heute wahrscheinlich für die meisten Besucher bei uns Mittelpunkt des Gottesdienstes und vermutlich das wichtigste. An ihr wird „beurteilt“, ob der Gottesdienst „gut“ oder „nicht gut“ war.
In der katholischen und orthodoxen Kirche ist dies anders. In diesen Gottesdiensten wird das Geheimnis des Auferstandenen nicht nur im Wort, sondern auch mit allen Sinnen geglaubt und erfahren (ob die Predigt mich anspricht oder nicht, ist zweitrangig). Da gibt es zu sehen, zu riechen und zu schmecken – in jedem Gottesdienst.
Nun hatten wir wochenlang „Gottesdienstabstinenz“. Es gab für uns gottesdienstmäßig nichts zu erfahren und auch keine Predigt (evtl. nur im Fernsehen oder Internet – was für mich nicht annähernd vergleichbar ist). Muss ich deshalb verzichten?
Diese wunderbare Auferstehungsgeschichte zeigt mir: Christus will und kann sich uns auf den unterschiedlichsten Wegen nahen. Und in so mancher Begegnung sind Worte eben nicht das Wichtigste, manchmal sind sie geradezu fehl am Platz.
Kein anderer Evangelist hat von so vielen Mahlzeiten berichtet wie Lukas. Immer wieder hält Jesus Mahlgemeinschaft mit den Jüngern, mit den überfrommen Pharisäern, mit den Außenseitern der Gesellschaft, mit den Ausgegrenzten und Ausgestoßenen. Meist werden sie in der Bibel als „Sünder“ bezeichnet. Und das „Abendmahl“ ist für Lukas die Fortsetzung der vielen Mahlzeiten, die Jesus mit den Menschen gehalten hat. Gerade darin wurde für Lukas Gottes Güte und Menschenfreundlichkeit sichtbar. Jesus machte Gottes Liebe und Freundlichkeit glaubhaft sichtbar, indem er sie erlebbar und erfahrbar machte! Es ist doch ein großer Unterschied, ob mir ein Mensch sagt: „Ich liebe dich“ oder, ob er mich liebt und mich seine Liebe erfahren lässt.

„Abendmahl“ heißt, dass der Auferstandene selbst wieder unter uns ist. Er will zu uns sprechen, ganz ohne Worte. Er will uns nahe sein. Wir dürfen Gemeinschaft mit ihm erfahren und uns daran erfreuen. Und wenn wir diese Gemeinschaft mit ihm nichterfahren, dürfen wir sie trotzdem glauben. Und in diesem Glauben weiter unseren Lebensweg gehen.
Ähnlich erging es ja diesen zwei Männern. Gestärkt durch die Erfahrung mit dem Auferstandenen gehen sie den Weg zurück nach Jerusalem. Zurück zum Ort ihrer Enttäuschung. Und auf dem Rückweg sehen sie den Auferstandenen nicht.
Wir sehen den Auferstandenen auch nicht. Lukas beschreibt dies mit einem typisch griechischen Ausdruck: „Er wurde vor ihnen unsichtbar“. So erfahren wir es doch immer wieder: Gott „erscheint“ uns (wird für uns erfahrbar) und zugleich entzieht er sich wieder unseren Augen (unserer Erfahrung). Wir können ihn dann nur noch mit unseren inneren Augen sehen (wie die zwei Männer).
Nun haben wir schon zwei Monate keinen Abendmahlsgottesdienst mehr feiern können. Wann dies für uns als Christusgemeinde im Gottesdienst wieder möglich sein wird, wissen wir nicht. Was können wir tun?

In Emmaus haben zwei mit Jesus zusammen Abendmahl gefeiert. Sogar ein Mensch kann mit Jesus Abendmahl feiern. Einer mit Jesus zusammen – das genügt.
Versuche doch einmal in den nächsten Tagen dein Frühstück als Mahlgemeinschaft mit Jesus zu erleben. Stell dir vor, Jesus sitzt mit am Tisch. Nimm ein Brötchen oder eine Scheibe Brot und brich es. Stelle dir vor, Jesus tut das für dich und reicht dir das gebrochene Brot seiner grenzenlosen Liebe, um all das, was in dir gebrochen oder auch zerbrochen ist, zu verbinden. Kaue und schmecke das Brot (ohne Belag). Schmecke die Würze, die Kraft, die in ihm steckt. Und dann gehe in den Tag – mit dem auferstandenen Christus. Du kannst Gemeinschaft haben mit dem Auferstandenen ganz ohne Worte, ohne Predigt! Du allein, oder mit ein, zwei, drei … anderen zusammen.

Johannes Rosemann