Ehre sei Gott aus der Tiefe!
Das Kreuz Jesu und unsere Lebenskreuze

Vermutlich ist in diesem Jahr die Passionszeit an vielen Menschen unbemerkt vorbeigegangen. Auch ich habe sie in diesem Jahr kaum bewusst wahrgenommen. Die Viruskrise scheint uns alle irgendwie in Beschlag genommen zu haben. Aber die Zeit läuft weiter. Auch die Zeit des Kirchenjahres. Die „Karwoche“ hat uns erreicht. Zumindest diese Woche will ich bewusster wahrnehmen, wenn schon die vorhergehenden Passionswochen an mir eher stillschweigend vorübergegangen sind.

Am Donnerstag (9. April) jährt sich der Tag der Hinrichtung von Dietrich Bonhoeffer im Konzentrationslager Flossenbürg. Am Tag vor seiner Hinrichtung hielt er vor seinen Mitgefangenen eine „Andacht“ zum Bibelwort des Tages (Tageslosung der Herrnhuter), welches wie folgt lautete: „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“
Musste dieses Bibelwort von Bonhoeffer nicht als ein Zeichen des Himmels verstanden werden, dass nun doch vielleicht noch alles gut werden und er dem Tod entgehen würde? Wenige Zeit später wurde Bonhoeffer abgeholt und zur Hinrichtung nach Flossenbürg gebracht. Kurz vor seinem Tod bat er einen Mitgefangenen, Grüße an den Bischof auszurichten: „Teilen Sie ihm mit, dass dies das Ende ist – aber auch der Beginn.“ Bonhoeffer erlebte die Nähe Gottes mitten in der Tiefe.

Ich vermute: Kein Mensch kann jemals das Leiden und Sterben Jesu am Kreuz begreifen, dessen wir uns in dieser Woche wieder erinnern. Bonhoeffer sicher auch nicht. Kein Menschenverstand ist meines Erachtens dazu in der Lage. Und doch erfuhr Bonhoeffer die Kraft Gottes, die im Blick auf das Kreuz des Christus auch das eigene „Kreuz“ tragbar machte. Im Aufblick zu dem Gekreuzigten Christus entdeckte er: In dem Gott selbst in die tiefsten Tiefen menschlicher Erniedrigung hinabstieg, ist er zu mir in meineTiefen gekommen! Nur darum konnte Bonhoeffer mitten im Gefängnis im Angesicht des nahen Todes die wohl weltweit bekannten Zeilen dichten: „Und reichst du uns den schweren Kelch, den bitter`n, des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus Deiner guten und geliebten Hand.“

Nun mag mancher einwenden: „Ja, Bonhoeffer. Aber ich bin nicht Bonhoeffer! Ich bin nicht so stark wie er! Mich drückt mein `Kreuz`, meine Krankheit, meine Depression, mein Zweifel, meine Schuldverstrickungen, mein labiler Charakter, meine Angst vor den Auswirkungen und Folgen der Viruskrise u. u. u. Ich hänge am Leben und kann es nicht ertragen, wie meine Pläne, Wünsche und Hoffnungen in diesen Tagen total in Frage gestellt werden. Ich kann mich nicht einfach in mein `Kreuz` schicken. Es gelingt mir nicht, die derzeitigen Nackenschläge wegzustecken, als würden sie mich nicht verwunden.“
Solches Denken ist sicher nicht nur wahr, sondern verständlich. Es würde nichts helfen, könnten wir nur an ein paar „Heiligen“, also außergewöhnlichen Menschen, die Hilfe und Kraft festmachen, die vom Kreuz Christi ausgeht. Aber – Gott sei Dank! Es gibt auch die kleinenHeiligen, die in Wahrheit nicht kleiner als Bonhoeffer sind und denen gegenüber Bonhoeffer nicht größer ist: Als ich in den 90iger Jahren Pastor in Plauen war, bekam ich eines Abends einen Anruf vom Krankenhaus. Eine ca. 40jährige Frau befand sich im letzten Stadium eines schweren Krebsleidens und verlangte nach einem Pfarrer. Wahrscheinlich war ich der einzige, der erreichbar war. Ich besuchte sie fast täglich. Keinen Tag kam sie ohne die stärksten Schmerzmittel aus. Ich hörte ihr viele Tage nur zu. Irgendwann kam die Zeit, da „durfte“ auch ich reden. Sehr zaghaft und behutsam sprach ich von dem, der auch furchtbar gelitten hat – für andere Menschen. Auch für sie. Um es abzukürzen: Sie wurde Christ. Von einem Tag zum anderen wurde sie ein anderer Mensch. Nein, sie wurde nicht gesund. Am Ende war sie nur noch ein Skelett. Aber ihr Mann und ihre Kinder konnten nicht begreifen, was mit ihr passiert war. Sie war nicht mehr verbittert über die „Ungerechtigkeit des Lebens“. Sie hatte Frieden mit sich selbst und mit Gott. Ihr sehnlichster Wunsch, den Heiligen Abend, den Geburtstag Jesu, noch zu erleben, wurde erfüllt. Am ersten Weihnachtsfeiertag verstarb sie.
Nein, diese Frau war keine Heldin, eher unscheinbar. Und doch von einer stillen Größe, die mich damals gerne bei ihr sein ließ. Für sie war das Kreuz Christi die Erfahrung der Nähe Gottes in der Tiefe. Geborgenheit trotz Schmerzen. Lebenskraft trotz Todesnähe.

Bonhoeffer und diese Frau – beide hatten die Botschaft des Karfreitag verstanden: Es ist vollbracht! Das ist kein Satz, der einfach das Ende des Jesus von Nazareth markierte, sondern gute Nachricht für uns. Vom Kreuz Christi fällt Licht auf unsere Lebenskreuze. Nicht so, dass unsere Kreuze harmloser, leichter oder gar weniger würden, aber so, dass ich nun sagen kann: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal – auch wenn mich das Kreuz des Lebens drückt – fürchte ich kein Unglück. (Psalm 23). Denn DU, der Gekreuzigte, bist bei mir. Dein Kreuz ist mein Trost, weil es mir sagt: So sehr liebst Du mich, dass Du Dich an das Kreuz hast nageln lassen, damit ich mit meinem `Kreuz` nicht allein bleibe und daran zugrunde gehe.“
Hieß der Weihnachtslobgesang der Engel: Ehre sei Gott in der Höhe, so heißt der Karfreitagslobgesang: Ehre sei Gott aus der Tiefe.
In diesen Lobgesang dürfen wir mit einstimmen – trotz Viruskrise.

Johannes Rosemann