Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde und Freundinnen der Gemeinde,

auch wenn ich offiziell nicht mehr im „aktiven“ Dienst bin, möchte ich euch in der jetzigen Lage grüßen und einige – hoffentlich ermutigende – Gedanken weitergeben.
Das z. Z. alleinbeherrschende Thema beschäftigt uns alle und bringt für viele gravierende Einschnitte in ihren sonstigen normalen Tages- bzw. Wochenablauf. Auch unser Gemeindeleben ist davon zutiefst betroffen.

Diesen Virus, der unsere Welt erfasst hat und wohl emotional an keinem von uns spurlos vorübergeht, empfinde ich als „Lackmustest“ unseres Glaubens. Was wird uns beherrschen: Die Angst vor der Ansteckung – sodass wir womöglich sogar hilfreiche Kontakte vermeiden – oder die Hoffnung, dass unser Leben (und unsere Welt!) in Gottes Hand ist, die wir oft laut in Liedern und Gebeten bekennen. 
Ich erinnere mich an eine ökumenische Jahreslosung vor vielen Jahren: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ (2. Timotheusbrief). Furcht begegnet mir tagtäglich. Jetzt vor allem Furcht vor der Ausbreitung dieses Virus. 

Die politischen Entscheidungen kann ich sehr gut nachvollziehen, das Handeln vieler einzelner Menschen leider nicht. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir als Christen in dieser Zeit ein wichtiges Hoffnungszeichen setzen können – allerdings nur, wenn das Vertrauen in Christus und die Hoffnung auf das Reich Gottes in unserem Leben tief verankert ist und nicht nur oberflächlich Wurzeln geschlagen haben. 
„Furcht, Liebe, Besonnenheit“. Was bestimmt uns in diesen Tagen? 


Lassen wir uns vom „Geist der Besonnenheit“ leiten! Er kommt von Gott. Wenn sein Geist uns leitet,  müssen wir uns nicht in der Schlange vor dem Supermarkt einreihen um Toilettenpapier für acht Wochen im Vorrat zu ergattern. Wenn der Geist der Besonnenheit uns leitet (der von Gott kommt), werden wir Empfehlungen und Impulse, die vor Ansteckung bewahren können, beherzigen, aber nicht panisch reagieren, wenn ein anderer Mensch uns die Hand reicht oder uns umarmt. 
Lasst uns vor allem vom „Geist der Liebe“ leiten! Gott hat uns gegeben den Geist der Liebe. 

Als in der S-Bahn eine Mutter mit ihrem Kind anfing zu Husten, rückten die Menschen von ihnen ab oder standen auf. Nach wenigen Sekunden saßen Mutter und Kind allein auf der Bank. Vereinsamt. 
Liebe sucht keinen Abstand. Liebe sucht nicht das Weite, um sich selbst in Sicherheit zu bringen. Was macht uns Menschen aus? Unsere körperliche Unversehrtheit? 
Ich glaube diesbezüglich dem Schöpfungsbericht der Bibel. Und der sagt: Wir sind auf Gemeinschaft hin angelegt. Der Mensch ist nur im GegenüberMensch. Unser „Ich“ entwickelt sich nur am „Du“! 

Ich liebe historische Romane. Allerdings kam ich in den letzten 40 Jahren kaum dazu, solche zu lesen. Seit Januar gönne ich mir dies in höchstem Maße. Zurzeit lese ich einen Roman, der eine große Pestepidemie beschreibt. Menschen im Mittelalter von der Pest infiziert, waren auf Menschen angewiesen, die vom Geist der Liebe geprägt waren. Sie waren beileibe nicht alle Christen (nach unserem Verständnis). Aber sie ließen sich vom Geist der Liebe bestimmen und nicht vom Geist der Furcht, um andere Menschen zu pflegen trotz extremster Ansteckungsgefahr! Damit gaben sie dem Geist Gottes Raum. 
Lasst uns in dieser Zeit – keiner weiß, wie lange sie andauert – dieses eine Wort Gottes annehmen und uns von ihm leiten lassen im täglichen Leben: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Lasst uns nach diesem einem Wort Gottes handeln – aus Liebe und Besonnenheit! 

Jede Krise ist auch eine Chance. Was könnte sie in diesem Fall für uns sein? Als „Gottes Kinder“ gehören wir auch zu seiner „Familie“ und sind zumindest „geistlich“ verwandt. „Familie“ hält zusammen und kümmert sich umeinander. Lasst uns Möglichkeiten nutzen und kreativ neue entdecken, trotz der Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Corona, Kontakt, Beziehung und wenn möglich Gemeinschaft zu halten. 

Die Menschen im Mittelalter hatten weder Telefon noch Internet. Die meisten von uns haben ein Gemeindemitgliederverzeichnis und die Möglichkeit, zu Geschwistern und Freunden Kontakt zu halten. Lasst es uns tun! Lasst uns füreinander und für diese Situation beten. Und wenn ein Mensch Hilfe benötigt: Lasst uns hingehen! 
Und dies alles in dem Bewusstsein, dass Gott uns auch jetzt nahe ist und uns Kraft gibt (auch ein Wesensmerkmal seines Geistes!).

Bleibt behütet – und wenn möglich gesund.
Johannes Rosemann