Wer hätte gedacht, dass wir einen solchen Sommer erleben? Er begann gefühlt schon im April. Sonne pur. Abgesehen davon, dass die Landwirtschaft darunter sehr zu leiden hatte – die massiven Ernteausfälle sprechen dafür -, viele Menschen genossen das Wetter.

Jahreszeiten prägen unser Lebensgefühl und beeinflussen unsere Stimmung. Manche erleben dies sehr bewusst, andere denken weniger darüber nach. Wir fühlen uns in den verschiedenen Jahreszeiten unterschiedlich. Im Sommer fühlen wir uns anders als im Winter. Und im Herbst anders als im Frühling. Wir Menschen sind Kinder der Natur und gehören zur guten Schöpfung Gottes. Als Kinder Gottes sind wir Teil seiner guten Schöpfung und damit Teil der Natur. So gehören die Jahreszeiten zu uns und wir zu den Jahreszeiten. Die verschiedenen Jahreszeiten können unserem Leben inneren Rhythmus geben. Es ist gut für unser Leben, diesen Rhythmus bewusst wahrzunehmen und nach ihm zu leben.

In den verschiedenen Jahreszeiten können wir auch den unterschiedlichen Gefühlen in uns auf die Spur kommen. Wenn wir uns auf die Jahreszeiten einlassen, in ihrem Rhythmus versuchen zu leben, werden wir auch den Reichtum in unserer Seele entdecken. Denn die Jahreszeiten sind nicht nur ein Sinnbild unseres Lebenskreises, sie bieten uns auch einen guten Lebensrhythmus an. Wir tun uns, unserer Seele und unserer Gesundheit Gutes, wenn wir uns auf diesen Rhythmus einlassen.

Zurzeit neigt sich der Sommer dem Ende zu und geht in den Spätsommer, der den Herbst unweigerlich ankündigt, über. Der Herbst in der Natur ist ein Sinnbild des Alters. Er führt uns vor Augen, dass Älterwerden nicht nur eine Last sein muss, sondern auch Schönheit in sich birgt, die wir entdecken können. Im Herbst wird geerntet. Auch im Alter können wir ernten. Wir dürfen zurückblicken und die Früchte unseres Lebens entdecken. Und sicher haben andere Menschen an den Früchten unseres Lebens Anteil gehabt und hoffentlich mit genießen können. Der Herbst gehört zu den farbenreichsten Jahreszeiten. Man schaue sich nur die Laubwälder an. Oder die einzelnen Blätter, die allmählich von den Bäumen fallen. Die Farbenpracht ist unbeschreiblich. Sicher die buntesten Farben des ganzen Jahres.

So sind wir in jedem Herbst eingeladen (und erst recht im Alter!), die Buntheit unseres Lebens zu betrachten und mit ihr in Berührung zu kommen. Grelle Farben begegnen mir im Herbst nicht. Es sind milde Farben, die oft ineinander übergehen. Könnten sie nicht dafür stehen, dass wir im Leben milder, gelassener, geduldiger werden dürfen? Das Grelle, Kämpferische, das uns im„Sommer“ unseres Lebens als Macher und Gestalter prägte, darf abgelegt werden. Wir dürfen uns im Herbst in unserem eigenen Älterwerden erkennen. Mich lädt der Herbst dazu ein, meine eigene Buntheit wahrzunehmen, sie zuzulassen und – wenn nötig – mich mit ihr zu versöhnen, um mich an ihr erfreuen zu können. Ich darf dankbar werden, was in mir gewachsen ist. Und gleichzeitig zeigt mir der Herbst, dass ich loslassen muss. Und das Loslassen üben sollte. Die Kraft lässt nach, auch die Gesundheit. Meine Rolle, meine Bedeutung – all das nimmt ab. Ich komme am Loslassen nicht vorbei.

Der Herbst des Lebens ist die Zeit des Loslassens. So werde ich in jedem Jahr durch ihn erinnert, dass meine Kraft und Gesundheit weniger werden. Und dass ich vor allem immer mehr mein Ego loslassen sollte, um nicht dem Leben und meiner Leistung nachtrauern zu müssen. Vor allem erinnert mich der Herbst an den unausweichlichen Winter, der folgen wird. Dann werde ich in ein Loslassen hineinleben (müssen), das sich im Sterben vollendet.

C.G. Jung schrieb davon, dass ab der Lebensmitte nur der lebendig bleibt, der auch bereit sei zu sterben. Wer auch noch im Herbst seines Lebens seine Jugend krampfhaft festhalten will, lebt gegen den Lebensrhythmus, ja gegen das menschliche Wesen. Jung war der Überzeugung, dass oft die Menschen im Alter die Jugend festhalten wollen, die sich in ihrer Jugend dem Leben verweigerten, sich dem Leben nicht stellten. Sie können im Alter nicht loslassen, denn ein ungelebtes Leben kann man nicht loslassen.

Der Herbst fragt mich, ob ich wirklich gelebt habe. Und er regt mich an, darüber nachzudenken, was für mich Leben heißt. Ist für mich Leben Leistung, In der ersten März-Woche wurde der Weltgebetstag gefeiert. Diesmal waren Anerkennung, Haben? Ich bin eingeladen, von der Ebene des Habens zur Lebensebene des Seins zu gelangen. Im Herbst des Lebens geht es nicht mehr um meine Rollen, die ich im Leben „gespielt“ habe, sondern allein um mich als einmalige Person, die in Gott immer mehr zur Vollendung gelangt.

Johannes Rosemann

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